Einleitung
Wirtschaftsforensik befasst sich mit der systematischen Aufklärung wirtschaftskrimineller Sachverhalte. Sie verbindet analytische, rechtliche und organisatorische Methoden, um Betrug, Korruption, Missbrauch von Vermögenswerten sowie andere Integritätsverletzungen nachvollziehbar zu untersuchen.
Im Unterschied zu klassischen Prüfungs- oder Kontrollfunktionen steht nicht die Regelmässigkeit von Prozessen im Vordergrund, sondern die rekonstruktive Analyse konkreter Verdachtsfälle. Ziel ist es, Sachverhalte faktenbasiert zu klären, Risiken einzuordnen und belastbare Entscheidungsgrundlagen zu schaffen.
Begriff und Abgrenzung
Der Begriff Wirtschaftsforensik ist nicht einheitlich definiert und wird in Praxis und Literatur unterschiedlich verwendet. Auf dieser Plattform wird er als übergeordneter Sammelbegriff für forensische Tätigkeiten im wirtschaftlichen Kontext verstanden.
Wirtschaftsforensik grenzt sich ab von:
- Revision und AuditDiese prüfen primär Ordnungsmässigkeit und Wirksamkeit von Kontrollen, nicht einzelne Verdachtsfälle.
- ComplianceCompliance ist präventiv ausgerichtet, während Wirtschaftsforensik überwiegend reaktiv und auf Sachverhaltsklärung fokussiert ist.
- RechtsdurchsetzungWirtschaftsforensik ersetzt keine Strafverfolgung, kann diese jedoch fachlich unterstützen.
Zielsetzung der Wirtschaftsforensik
Wirtschaftsforensik verfolgt mehrere, klar voneinander abgrenzbare Ziele:
- Aufklärung von Betrugs-, Korruptions- und Missbrauchsfällen
- Rekonstruktion von Abläufen, Entscheidungen und Verantwortlichkeiten
- Quantifizierung finanzieller Schäden
- Unterstützung interner oder externer Entscheidungsprozesse
- Ableitung von Präventions- und Verbesserungsmassnahmen
Der Fokus liegt dabei stets auf Sachlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Verhältnismässigkeit.
Typische Anwendungsfelder
Wirtschaftsforensik kommt unter anderem in folgenden Situationen zum Einsatz:
- Verdacht auf internen oder externen Betrug
- Hinweise aus Whistleblowing-Systemen
- Unregelmässigkeiten in Buchhaltung, Einkauf oder Lohnabrechnung
- Korruptions- oder Interessenkonfliktfälle
- Vorbereitung oder Begleitung rechtlicher Auseinandersetzungen
- Post-Incident-Analysen nach Sicherheits- oder Compliance-Verstössen
Methoden und Werkzeuge
Je nach Fallkonstellation kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Wirtschaftsforensik ist keine rein technische Disziplin, sondern kombiniert mehrere Perspektiven:
- Dokumenten- und AktenanalysenVerträge, Belege, Richtlinien und Korrespondenz
- Daten- und TransaktionsanalysenAuswertung strukturierter Daten aus ERP-, Finanz- oder Vorsystemen
- Forensische InterviewsStrukturierte Gespräche zur Einordnung von Abläufen, Motiven und Entscheidungslogiken
- Prozess- und KontrollanalysenUntersuchung von Schwachstellen, Umgehungsmöglichkeiten und Governance-Lücken
- Analyse digitaler SpurenE-Mails, Systemlogs, Zugriffsrechte oder Zeitstempel, sofern relevant
Der Fokus liegt nicht auf einzelnen Werkzeugen, sondern auf einer konsistenten, nachvollziehbaren Gesamtanalyse.
Rolle im Unternehmen
Wirtschaftsforensik kann intern oder extern organisiert sein. Typische organisatorische Anbindungen sind:
- interne Revision oder Investigations-Einheiten
- Compliance- oder Risk-Management-Funktionen
- externe Spezialisten oder Beratungen
Unabhängig von der organisatorischen Einbettung ist eine klare Rollenabgrenzung, insbesondere gegenüber HR, Legal und Management, entscheidend.
Einordnung und Nutzen
Wirtschaftsforensik trägt dazu bei,
- wirtschaftliche Schäden zu begrenzen
- Reputationsrisiken zu reduzieren
- Vertrauen in Organisationen zu stärken
- Lernprozesse und Prävention zu fördern
Sie ist damit kein Selbstzweck, sondern ein Instrument verantwortungsvoller Unternehmensführung.
Arbeitsdefinition dieser Plattform
Der Begriff Wirtschaftsforensik wird hier als sachliche Arbeitsdefinition verwendet. Er beschreibt die faktenbasierte Aufklärung wirtschaftlicher Unregelmässigkeiten mit dem Ziel, Sachverhalte transparent darzustellen und fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.
